Lebensweg

 

In ihrem gesamten Werk ist der Mitmensch in seiner körperlichen und emotionalen Nacktheit (Francis Bacon lässt grüßen) bestimmendes Thema. Der französische Ausdruck „faire sortir l‘homme du bois“ beschreibt treffend dieses Anliegen: den Mann / Gegner aus dem Unter-Holz zu locken - so, wie in einer Beziehung beim liebevollen, schmerzhaften Versuch, dem originären Wesen in der Person des Anderen auf die Spur zu kommen, geht es in der Skulptur darum, im Ringen mit sich selber „durch Hauen und Stechen“ das im Stamm verborgene Eigentliche freizulegen...

 

Aachen – Arboras – Aachen: auf den Spuren von Brele Scholz

Text Pius Albrecht Wetzel, Literat, Dezember 2015

 

Der vollständige Text befindet sich auf dieser Seite unten

1959 Geboren

1962 Erste erhaltene Bilder (FOTO: Brele Scholz)

1964 Erste erhaltene Zeichnungen (FOTO: Brele Scholz)

 

Aufgewachsen bin ich mit den Karikaturen des New Yorker und der umfangreichen Cartoon Sammlung meines Vaters. Mein Lieblingszeichner: Saul Steinberg!

 

1973 Weggang aus dem Elternhaus

1974 Schulabbruch

1975 Mit dem Fahrrad durch Deutschland (FOTO: privat)

 

1977 – 85   Leben als Landpunk in Südfrankreich (FOTO: privat)

 

1977 – 94   Arbeit als Mauerin (FOTO: privat)

1989 Einstieg in die Kunst mit politischer Grafik

 

1989 – 96 Ein erstes spottbilliges, nasses, kaltes, helles, abbruchreifes Atelier, in dem ich auch wohnen konnte. (2 FOTOs : Brele Scholz)

 

Einer meiner Vorbilder zu Beginn meiner künstlerischen Laufbahn war der Belgier Frans Masereel.

 

1989 Erste Ausstellung meiner Grafiken im Café Murxx ein besetztes Haus in Aachen

 

 

Von Anfang an lege ich Wert darauf, meine Arbeiten zu verkaufen. In den frühen Ausstellungen kaufen meine Freunde und Freundinnen.

 

1990 Sechs Monate neugieriger Aufenthalt im wilden Ostteil von Berlin

 

1990 Politische Grafik, Galerie Olga Benario, Berlin (FOTO: privat)

 

Edvard Munch inspiriert mich in den 90ger Jahren. Bilder aus seinem Lebensfries wie Verzweiflung (1892), Mondschein (1893), Die Stimme (1893) oder Auge in Auge (1894) faszinieren mich wegen ihres tiefen Einblicks in menschliche Gemütslagen. Daraus entsteht die umfangreiche Einzelausstellung Lebensfries, 60 Kaffeesackbilder und 10 Händeskulpturen, 1999.

 

1994 Beginn mit der Bildhauerei

 

1995 - 97  Organisieren eigener Symposien mit dem Berliner Holzbildhauer Claus Spies (FOTO: privat)

1996 Umzug in mein Eifeler Atelier in Voissel

 

Dort biete ich seit 1998 gemeinsam mit meiner Kollegin Annette Dietrich jeden Sommer eine Woche lang „Bildhauerei im Grünen“ an. (FOTO: privat)

 

1997 Symposium mit Bildhauern aus Zimbabwe, Ludwig Forum für int. Kunst, Aachen

 

1998 Beginn mit den Interviews mit meiner Mutter Adelheid Scholz über ihre ungewöhnlichen Erlebnisse zwischen 1933 und 1948 für die Fluchtgeschichten (FOTO: privat)

 

1999 Der Lebensfries, die erste umfangreiche Einzelausstellung

60 Kaffeesackbilder und 10 Händeskulpturen, Aula Carolina, Aachen
(Katalog: Lebensfries) (FOTO:
Brele Scholz)

 

Dort entsteht meine erste lebensgroße Skulptur noch ohne Kettensäge, ausschließlich in Handarbeit aus dem Stamm einer Kirsche gehauen: Die Träumende. (FOTO: privat)

2000 – 05   Fotografische Skulpturen (FOTO: Brele Scholz)

 

Die Fotografischen Skulpturen sind der Versuch, durch Schichtungen Räumlichkeit und Bewegung in statischen Bildern zu erreichen. Schattenwurf, Lichtbrechung, leichte Bewegung durch Luftzug und die Möglichkeit, um die Arbeit herumzugehen, machen die Werke interessant.

 

 

In den 00er Jahren besuche ich praktisch jede Francis Bacon Ausstellung in Europa, um seine Bilder intensiv zu studieren. In der Schau Francis Bacon und die Bildtradition, Fondation Beyeler 2004, verbringe ich eine ganze Woche. Unvergesslich berührend! Francis Bacon hat bis heute Einfluss auf mein Schaffen.

 

2000 – 05   Mural Global, weltweites Wandmalprojekt initiiert von Farbfieber e.V.
Lokale und internationale Künstler malen gemeinsam großformatige Wandbilder.
siehe www.mural-global.org
und Buch: Wem gehört die Welt, Klartext Verlag (FOTO:
Brele Scholz)

 

2000 – 05   Die Fluchtgeschichten

in Köln, Aachen, Essen, Istanbul, Stuttgart, Hagen und Euskirchen ausgestellt.
(FOTO:
Brele Scholz)

2002   Aufenthalt in Istanbul in Begleitung meiner Mutter Adelheid Scholz, die die Stadt seit 1939 nicht mehr besucht hatte. Ausstellung der Fluchtgeschichten in der Dürer Galerie des Goethe Institut, Istanbul. (FOTO: De Domijnen / Bert Janssen)

Währenddessen entstand der Film „Zuflucht am Bosporus“ von Nedim Hazar und Pavel Schnabel. Der Film wurde auf mehreren Filmfestivals, auf Arte, 3Sat, im WDR und in meinen Ausstellungen gezeigt.

2001 – 03   Arbeit an der Serie Die Marschierenden (FOTO: Brele Scholz)

 

Ein Nebeneffekt, der sich aus der Arbeit am Marschierenden-Zyklus ergibt und der natürlich Auswirkungen auf mein bildhauerisches Arbeiten hat, ist das intensive Studium der Bewegungsanatomie von 46 höchst individuellen menschlichen Körpern.

2002 Umzug in mein Atelier Alte Brauerei, Napoleonsberg in Aachen (FOTO: Brele Scholz)

2003 Kuratorin und Teilnehmerin des Symposiums swaps-arts-project mit südafrikanischen und euregionale Künstlern/Innen

 

Uta Göbel-Groß und ich entwickeln die SWAPs – Methode (to swap | tauschen) zur Bildfindung mit mehreren Künstlern aus unterschiedlichen kulturellen oder künstlerischen Hintergründen.

SWAPs meint, dass Künstler zunächst zusammen arbeiten, dann erst reden. (FOTO: Brele Scholz)

 

Indem die Künstler angefangene Bilder untereinander austauschen und weiter bearbeiten, mischen sich Geschichten verschiedener Kulturen, unterschiedliche Stimmungen und Arbeitsweisen. Für die international besetzten, großflächigen Wandmalereien hat sich die SWAPs – Methode bewährt.

 

 

2004 Beginn der Skulpturenserie imaginary lovers 1 - 12 (FOTO: Carl Brunn)

2008 Beginn mit der Skulpturenserie Die Bewegungsstudien (Katalog: Die Bewegungsstudien)

 

 

2009 Skulpturen, Aula Carolina, Aachen, Performance: Britta Lieberknecht und Paul Hubweber

(Katalog: Holzskulpturen 2004 – 2008) (FOTO: privat)

 

 

 

2011 Kuratorin und Teilnehmerin des Olivenhain Symposium in Gangelt

(Katalog: 1. Internationales Olivenhain Symposium 2011) (FOTO: Friedericke Heidenhof)

 

 

 

2011 Bildhauersymposium in Krakow, PL (FOTO: privat)

 

 

 2012 Herstellen der 28 Europäer für das Europafest Concrete Europolis der Firma MC-Bauchemie in Bottrop innerhalb von 2 Monaten

 

2012 Kuratorin gemeinsam mit Paul Hubweber der Veranstaltung: Concrete Europolis – European Night of Art, MC Bauchemie, Bottrop (FOTO: MC-Bauchemie)

 

Seit einigen Jahren male ich im Winter, gemütlich am warmen Ofen sitzend, kleinformatige Aquarelle. Es macht mir Spaß spielerisch mit den Farben umzugehen. (FOTO: Brele Scholz)

2013 Zustand Europa, begehbare Installation, OSTRALE’13, Internationale Ausstellung für zeitgenössische Künste, Dresden (FOTO: Brele Scholz)

 

Indem ich die 28 Europäer von ihren Sockeln nahm und sie in einer Installation miteinander verschachtelte, fand ich ein Symbol dafür, wie die nationalstaatlichen Einzelinteressen den Aufbau eines gemeinsamen Europäischen Staates behindern und ein Zusammenwachsen erschweren.

 

2013 OSTRALE`013, Internationale Ausstellung für zeitgenössische Künste, Dresden

Die Elbtänzerin, Herstellen einer monumentalen Skulptur im öffentlichen Raum, Dresden

(FOTO: Harald Schluttig)

Die Elbtänzerin steht auf den Elbterrassen des Maritim Hotel (Erlwein Speicher) in Dresden

 

2014 beginne ich die Europäer zu öffnen, sie auszuhöhlen, ihnen in die Köpfe zu schauen. Unter dem Titel Masken und Visiere – umgebaute Europäer schaffe ich Kopfschreine, in deren Innenräumen komplexe Schichtungen sichtbar werden. Neue Materialien, wie z.B. Gießharz, kommen zum Einsatz. Ein speziell entwickeltes Scharnier wird für jeden Kopf individuell angepasst. (2 FOTOS: Brele Scholz)

 

Der Betrachter übernimmt den Akt des Öffnens und Schließens. Ein Sich-hinein-versenken, wie vor einem Schrein, wird möglich. Seit dem Winter 2018 ist die Serie Masken und Visiere – umgebaute Europäer mit 28 Arbeiten abgeschlossen.

 

2016 Boot, Leitung des bildhauerischen Projektes mit geflüchteten Männern aus Syrien und dem Irak,
Katholische Kirchengemeinde St. Thomas-Morus, Bonn (FOTO: privat)

2017 Over de Grens, Brele Scholz, Jaap de Ruig, Roy Villevoye & Jan Dietvorst, Kuratorin Anne Berk, Museum De Domijnen Hedendaagse Kunst, Sittard, NL (FOTO: Brele Scholz)

 

Das Museum De Domijnen Hedendaagse Kunst in Sittard kauft folgende drei Werke an: Umgebaute Europäer 7, 16 und 17

 

2018 Ausbau des neuen Lagers über der Werkstatt Napoleonsberg, Aachen (FOTO: Brele Scholz)

 

 

Aachen – Arboras – Aachen: auf den Spuren von Brele Scholz

 

Text Pius Albrecht Wetzel, Literat, Dezember 2015

 

Arboras, im Hinterland des südfranzösischen Hérault Departements, war für die Einheimischen in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein arg notiges Nest. Das Dorf lebte vom Weinbau, eher schlecht als recht. In dieser sonnengetränkten Gegend sorgte man sich nicht über sauren Regen und Wald sterben, sondern über Landflucht, das drohende Absterben ländlichen Daseins. Die jungen Leute zog es in die Städte, wo ein besseres Leben lockte, schnell - sauber - modern. Da kamen die zugewanderten Landfreaks aus England und Deutschland gerade recht, die sich auf Brach-Grundstücken in einem Tal außerhalb der Ortschaft angesiedelt hatten und bei Weinernte und Feldarbeiten einspringen konnten. Wovon sie sonst lebten, war den Dorfbewohnern ein Rätsel - sie hatten keine Ahnung, mit wie wenig man auskommen kann, wenn auf die Segnungen der Zivilisation verzichtet wird, in selbstgebauten Hütten und Häusern aus Überfluss- und Abfallmaterial.

 

Brele war eine der wenigen Frauen, die es dort über eine längere Zeit aushielten - wohl auch, weil sie den Männern Paroli bieten konnte. Und: sie hatte sich nicht um Kinder zu kümmern. Für junge Mütter war das Leben im Tal weniger idyllisch, was den ideologisch angehauchten Vätern und sonstigen Mitgliedern des männlichen Geschlechts allerdings keine existenziellen Sorgen bereitete. „Ohne Strom und fließend Wasser“ hörte sich der Außenwelt gegenüber doch so pionierhaft und authentisch an. Brele war nicht in die chaotische Hippie / Freak Siedlung gezogen, um auf modische Kunstverweigerung zu machen. Sie wollte einfach weg aus dem Sumpf der Siebziger im Deutschland des Baader-Meinhof Wahns. Über Freunde hatte sie von diesen Landpunks in einem kleinen Dorf am Ausläufer der Cevennen gehört. Val d‘Hermès, Tal der Götterboten, war die ursprüngliche Kataster-Bezeichnung. Wir wandelten sie in Maniac Valley um. Es stellte sich heraus, auch die Jungs von „Tangerine Dream“ hatten ein Häuschen in Arboras, und „Väterchen Franz“, der für die mutigen Aussteiger ein Faible empfand, konnte im Nachbardorf Saint Saturnin seinen Traum vom Weintrinker-Sein träumen und sich von Zikadenzirpen und „Cardinal Rouge“ zu neuen Liedern inspirieren lassen.

 

Und eines Tages stand sie da, Brele. Wie aus dem Udo Jürgens Klassiker „Siebzehnjahr, Blondeshaar“. Wim Wenders hatte gerade „Kings of the Road“ gedreht, und so wie die beiden Hauptdarsteller im Film, waren auch wir „im Lauf der Zeit“- auf der Suche nach einer Vision und unserem Platz in der laufenden Veranstaltung. Bald sollte sich zeigen, dass unser Traum vom mythischen Süden an einem realen Ort spielte – ironischerweise an einem Knick auf der Landkarte lokalisiert: Arbo / ras. Links die Sehnsucht, rechts der Alltag „au ras des pâquerettes“*. Begossen mit billigem Rotwein, beflügelt von Gras Marke Eigenbau. Die einen verdienten spärlichen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft, ich spielte eine Zeitlang Fernfahrer, Brele schloss sich der Maurer-Brigade an und war über 10 Jahre lang an der Sanierung maroder Natursteinhäuser zugange, die wohlhabende Nordländer sich damals noch aus der Portokasse zulegen konnten. Das originellste Kompliment über die Autodidakten von der Baustelle stammt von einem Münchner Versicherungsagenten: „Die schrägste Bautruppe zwischen Tübingen und Timbuktu – aber kompetent und tüchtig.“

 

Herzen, gebrochene, ließ Brele einige zurück. Als blutjunge, nordische Schönheit begehrt, durchlebte sie in ihren Liebesabenteuern den spannenden, nie vollendeten Prozess, herauszufinden, wie sich die jeweiligen Ideal-Vorstellungen und Erwartungen der Männer mit der Erkenntnis ihres eigenen Wesens in Einklang bringen ließen. Oder nicht.

 

Über die turbulente Lebensphase im rauen Süden fand sie, nach ihrer Rückkehr in die Kaiserstadt Aachen, zu ihrer eigenen Ausdrucksweise in Fotographie, Malerei und Skulptur. In ihrem gesamten Werk ist der Mitmensch in seiner körperlichen und emotionalen Nacktheit (Francis Bacon lässt grüßen) bestimmendes Thema. Der französische Ausdruck „faire sortir l‘homme du bois“ beschreibt treffend dieses Anliegen: den Mann / Gegner aus dem Unter-Holz zu locken - so, wie in einer Beziehung beim liebevollen, schmerzhaften Versuch, dem originären Wesen in der Person des Anderen auf die Spur zu kommen, geht es in der Skulptur darum, im Ringen mit sich selber „durch Hauen und Stechen“ das im Stamm verborgene Eigentliche freizulegen. Der radikale Weg, den Brele Scholz als Künstlerin geht, ist ihre Façon, die grundlegenden Fragen abzuklopfen: was echt und wahr ist, und was nicht.

 

Und die Antwort, liebe Freunde, sie weht immer noch im Wind.

 

* banal; in den Niederungen des Alltags; komplett im Keller