Die Marschierenden

46 Fotografien auf Aludibond, 60h x 50b für die Schrittfolgen mit Hubert Steins, Raum für Kunst, Aachen 2004

Brele Scholz im Gespräch mit den Geschwistern Regina und Michael Dohle über den Werkzyklus

Die Marschierenden

Januar 2004, kurz vor der Eröffnung der Schrittfolgen im Raum für Kunst, Aachen

 

Michael: Worum geht es bei den Marschierenden?

Brele: Mein erster Beweggrund für die Arbeit an den Marschierenden war die Auseinandersetzung mit Auschwitz und den Gewaltverbrechen der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Es geht um Gehorsam und das Gewaltpotential des Menschen. Ich habe mich gefragt, wenn damals ganz normale Leute diese Verbrechen begangen haben, wie kann ich mich dann distanzieren? Kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich so etwas nicht tun würde? Kann ich nicht!

 

Regina: Wie bist du zu dieser konkreten künstlerischen Vision gekommen?

Brele: Ich habe nach einer Metapher für unser Gewalt- und Gehorsamspotential gesucht und bin dabei auf das Marschieren gestoßen. Da es mir um das Potential, also eine Frage an die Natur des Menschen ging, kamen mir das Verwischte der Bewegungen und die Nacktheit der Menschen sehr entgegen.

 

Michael: Wenn ich mir im ersten Moment vorstelle, ich will das Potential von Gewalt darstellen, dann würde ich wahrscheinlich genau an das Gegenteil denken, ein unglaublich massiver, konkreter, gewaltsamer Körper. Aber es hat sich bei dir eine fast abstrakte Auflösung des Körpers ergeben. Wie kommt das?

Brele: Das Thema Gehorsam und Gewalt ist sehr komplex. Normale Menschen haben gehorcht und diese Verbrechen begangen. Menschen, die nicht dem Stereotyp des Nazi oder SS- Mensch entsprechen, sondern Menschen, die im Vorfeld nie auf die Idee gekommen wären, dass sie zu solchen Taten fähig sind. Ich glaube nicht, dass man besonders vorbelastet sein muss, zum Beispiel durch eigene Gewalterfahrung, um zum unbedingten Gehorsam zu neigen. Wer von uns im entscheidenden Moment NEIN sagen könnte, ist nicht vorhersehbar.

 

Michael: Wie bist du auf das Kopfschütteln gekommen?

Brele: Ich wollte das Gesicht unkenntlich machen. Wenn jemand marschiert, ohne mit dem Kopf zu schütteln, dann ist das Profil zu erkennen.

 

Michael: Vor 5 Jahren haben wir über das Verhältnis von programmatischer Kunst und Ästhetik gesprochen (Gespräch im Katalog Lebensfries). Wo stehst du jetzt?

Brele: Ich komme ja aus dem politisch motivierten künstlerischen Tun und habe schnell entdeckt, dass ich nicht einfach nur agitatorische Plakate machen will, dass mehr möglich und wichtig ist. Und ich habe über die Jahre gemerkt, dass mich die damaligen Verbrechen nicht loslassen. Jede Generation sucht ja einen neuen Umgang mit diesem Thema. Da kommt dann für mich ganz klar die Ritualisierung des Gedenkens rein, also die Frage, wie denke ich über den Genozid an den Juden oder die Verbrechen in Russland nach, ohne in Klischees zu verfallen. Es gibt Gedenktage, wo das Ritual dazu führt, dass eben kaum mehr jemand zuhört. Ich finde ähnliches auch in der Kunst. Wenn ich mir Kunst zu Auschwitz ansehe, dann entdecke ich oft eine oberflächliche Ästhetik, die dazu führt, dass ich mich mit den Opfern identifizieren kann, ich kann denken: ach wie schlimm war das mit den Juden. Es entsteht eine Art wohliger Schauder, ein Freizeitschmerz, der verhindert, dass ich darüber nachdenke, wer die Täter waren und wie nahe sie mir stehen.

 

Regina: Wenn man sich überlegt, dass Auschwitz zu unserer Kultur gehört, dann bleibt einem der Atem weg.

Brele: Ja, da bleibt einem der Atem weg. Man möchte wegsehen, sich den Schreck ersparen, wenn man in diesem Zusammenhang das eigene Spiegelbild sieht. Als ich die Menschen ansprach, ob sie für mich marschieren, besonders bei Leuten, die mir nicht so nahe standen, hatte ich oft das Bedürfnis, meine Beweggründe zu verschleiern, möglichst nicht so laut zu sagen, dass ich mich mit den Verbrechen unserer Eltern und Großeltern befasse. Es hat mich viel Kraft gekostet und ich habe mir Pausen zwischen den Terminen verordnet, weil ich merkte, dass meine Kraft nicht reicht.

 

Michael: Man sieht, dass diese Leute hier auf den Fotos keine 80 Jahre alt sind.

Brele: Ja, ich wollte mit der Nachkriegsgeneration arbeiten, den jetzt 40- bis 65jährigen.