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Hier bald mehr.

Aachen – Arboras – Aachen: auf den Spuren von Brele Scholz

Text Pius Albrecht Wetzel, Literat, Dezember 2015

 

Arboras, im Hinterland des südfranzösischen Hérault Departements, war für die Einheimischen in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein arg notiges Nest. Das Dorf lebte vom Weinbau, eher schlecht als recht. In dieser sonnengetränkten Gegend sorgte man sich nicht über sauren Regen und Wald sterben, sondern über Landflucht, das drohende Absterben ländlichen Daseins. Die jungen Leute zog es in die Städte, wo ein besseres Leben lockte, schnell - sauber - modern. Da kamen die zugewanderten Landfreaks aus England und Deutschland gerade recht, die sich auf Brach-Grundstücken in einem Tal außerhalb der Ortschaft angesiedelt hatten und bei Weinernte und Feldarbeiten einspringen konnten. Wovon sie sonst lebten, war den Dorfbewohnern ein Rätsel - sie hatten keine Ahnung, mit wie wenig man auskommen kann, wenn auf die Segnungen der Zivilisation verzichtet wird, in selbstgebauten Hütten und Häusern aus Überfluss- und Abfallmaterial.

 

Brele war eine der wenigen Frauen, die es dort über eine längere Zeit aushielten - wohl auch, weil sie den Männern Paroli bieten konnte. Und: sie hatte sich nicht um Kinder zu kümmern. Für junge Mütter war das Leben im Tal weniger idyllisch, was den ideologisch angehauchten Vätern und sonstigen Mitgliedern des männlichen Geschlechts allerdings keine existenziellen Sorgen bereitete. „Ohne Strom und fließend Wasser“ hörte sich der Außenwelt gegenüber doch so pionierhaft und authentisch an. Brele war nicht in die chaotische Hippie / Freak Siedlung gezogen, um auf modische Kunstverweigerung zu machen. Sie wollte einfach weg aus dem Sumpf der Siebziger im Deutschland des Baader-Meinhof Wahns. Über Freunde hatte sie von diesen Landpunks in einem kleinen Dorf am Ausläufer der Cevennen gehört. Val d‘Hermès, Tal der Götterboten, war die ursprüngliche Kataster-Bezeichnung. Wir wandelten sie in Maniac Valley um. Es stellte sich heraus, auch die Jungs von „Tangerine Dream“ hatten ein Häuschen in Arboras, und „Väterchen Franz“, der für die mutigen Aussteiger ein Faible empfand, konnte im Nachbardorf Saint Saturnin seinen Traum vom Weintrinker-Sein träumen und sich von Zikadenzirpen und „Cardinal Rouge“ zu neuen Liedern inspirieren lassen.

 

Und eines Tages stand sie da, Brele. Wie aus dem Udo Jürgens Klassiker „Siebzehnjahr, Blondeshaar“. Wim Wenders hatte gerade „Kings of the Road“ gedreht, und so wie die beiden Hauptdarsteller im Film, waren auch wir „im Lauf der Zeit“- auf der Suche nach einer Vision und unserem Platz in der laufenden Veranstaltung. Bald sollte sich zeigen, dass unser Traum vom mythischen Süden an einem realen Ort spielte – ironischerweise an einem Knick auf der Landkarte lokalisiert: Arbo / ras. Links die Sehnsucht, rechts der Alltag „au ras des pâquerettes“*. Begossen mit billigem Rotwein, beflügelt von Gras Marke Eigenbau. Die einen verdienten spärlichen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft, ich spielte eine Zeitlang Fernfahrer, Brele schloss sich der Maurer-Brigade an und war über 10 Jahre lang an der Sanierung maroder Natursteinhäuser zugange, die wohlhabende Nordländer sich damals noch aus der Portokasse zulegen konnten. Das originellste Kompliment über die Autodidakten von der Baustelle stammt von einem Münchner Versicherungsagenten: „Die schrägste Bautruppe zwischen Tübingen und Timbuktu – aber kompetent und tüchtig.“

 

Herzen, gebrochene, ließ Brele einige zurück. Als blutjunge, nordische Schönheit begehrt, durchlebte sie in ihren Liebesabenteuern den spannenden, nie vollendeten Prozess, herauszufinden, wie sich die jeweiligen Ideal-Vorstellungen und Erwartungen der Männer mit der Erkenntnis ihres eigenen Wesens in Einklang bringen ließen. Oder nicht.

 

Über die turbulente Lebensphase im rauen Süden fand sie, nach ihrer Rückkehr in die Kaiserstadt Aachen, zu ihrer eigenen Ausdrucksweise in Fotographie, Malerei und Skulptur. In ihrem gesamten Werk ist der Mitmensch in seiner körperlichen und emotionalen Nacktheit (Francis Bacon lässt grüßen) bestimmendes Thema. Der französische Ausdruck „faire sortir l‘homme du bois“ beschreibt treffend dieses Anliegen: den Mann / Gegner aus dem Unter-Holz zu locken - so, wie in einer Beziehung beim liebevollen, schmerzhaften Versuch, dem originären Wesen in der Person des Anderen auf die Spur zu kommen, geht es in der Skulptur darum, im Ringen mit sich selber „durch Hauen und Stechen“ das im Stamm verborgene Eigentliche freizulegen. Der radikale Weg, den Brele Scholz als Künstlerin geht, ist ihre Façon, die grundlegenden Fragen abzuklopfen: was echt und wahr ist, und was nicht.

 

Und die Antwort, liebe Freunde, sie weht immer noch im Wind.

 

* banal; in den Niederungen des Alltags; komplett im Keller