2014 begann ich den Europäern in die Köpfe zu schauen.

Über die Kopf-Schreine von Brele Scholz

Text Thomas Niecke, Galerie KEIM, Mai 2015

 

Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit, oft ist es Mutter unserer Gefühle. So bringt jede Kunstperiode eine eigene Kunst zustande, die nicht mehr wiederholt werden kann.“ So die Einleitung aus dem Traktat: Über das Geistige in der Kunst von Wassily Kandinsky, ein Aufsatz den Kandinsky 1912 über die Malerei schrieb.

 

Waren es 2012 die 28 Europäer mit denen die Bildhauerin Brele Scholz ihre Ausstellungen in dem Bestreben bestückte, ein „positives Zeichen für Europa“ zu setzen, so sind es heute die Umgebauten Europäer: Kopf-Schreine aus Holz mit Innenleben. Ein Außen geprägt vom Holz und den Arbeitsspuren der Künstlerin ohne Vergleichsabsicht einer Person, also keine Idealbüste à la Nofretete, sondern imaginäre Köpfe.

 

Ein Innen in überraschenden Ausführungen: Ausgehöhlt und farbig bemalt, mit dem Stechbeitel figürlich ziseliert oder comichaft gezeichnet. Eine Story dargestellt oder mit Gießharz schichtweise ausgegossen und zum Teil in Blattgold gefasst, eben ALLES was wir „unter einem Hut“ (Goethe) nach Hause tragen können.

 

Ein Bestreben, vergangene Kunstprinzipien zu beleben, kann höchstens Kunstwerke zur Folge haben, die einem totgeborenen Kind gleichen.“ (Zweiter Satz der Einleitung: Über das Geistige in der Kunst.)

 

Der weiterführende Ansatz von Brele Scholz liegt nun im Öffnen der europäischen Kopf-Skulpturen: Nichts Vergleichbares findet sich heute. Im alten Ägypten galt der Schrein als das „Innere des Himmels“, der Wohnort der Götter. Die Kopf-Schreine entlehnen auch Elemente aus dem klassischen Triptychon in die Skulptur.

 

Die Überraschung entsteht im Inneren der Kopf-Schreine. Brele Scholz macht sich daran, die komplexe Realität eines gesellschaftlichen Wandels in Europa zu thematisieren. Die Kopfgeburt Europa muss sich in der realen Welt der Menschen wiederfinden. Eine europäische Identität entwickelt sich nicht über Nacht.

 

Ganz so wie wir denken oder träumen ohne einen Mitwisser zu haben, zeigt sich im Außen nicht, was uns im Inneren der Kopf-Schreine erwartet.