Bildhauerin Brele Scholz vor der Vernissage "imaginary lovers"
Foto: Peter Hinschläger

Alle meine Figuren sind nackt. Sie zeigen ihre Geschlechtsteile mehr oder weniger deutlich. Ich widme mich der Darstellung des Menschen, wie Gott ihn geschaffen hat.

Im Material des Holzes finde ich hierzu faszinierende Analogien:  die Risse, die hohlen Stellen, die Verletzungen, die Einschlüsse. Ebenso wie der Mensch ist der Baum fähig, Verletzungen, Krankheiten, Fremdkörper (Granatsplitter, Geschosse, Stacheldraht) oder Prägungen, wie beispielsweise einen felsigen Untergrund, einen windigen Standort oder Wassermangel, bis zu einem bestimmten Grad zu kompensieren und zu integrieren. Diese Wesensverwandtschaft der Menschen mit Bäumen nutze ich für meine Figuren.

Ich schaue nicht direkt auf unser heutiges Leben, sondern versuche das Wilde in uns frei zu legen. Die Figuren sind Wilde. Die Wildnis in uns - uralt, grundsätzlich und kraftvoll - ist in jedem Menschen Urkraft, und sie prägt uns mehr als wir denken. Die Figuren konfrontieren den Betrachter mit dieser Kraft, die weder Gut noch Böse kennt, Schönheit oder Hässlichkeit, Gesundheit oder Krankheit. Die Figuren stellen Fragen nach unserer dualistischen Gespaltenheit und unserer Fähigkeit, diese zu etwas wertvollem zu wandeln.

Ganz bewusst statte ich meine Figuren mit starken Gesichtern aus, gebe ihnen einen individuellen Charakter. Es ist, als ob ich dem Betrachter einen lebendigen (wilden) Menschen zumuten mag. Der Betrachter sieht hinein in die Figur wie in einen Spiegel. Ich schaffe Familienmitglieder.

In der Nacktheit zeigt sich eine Schamlosigkeit, die aber nicht auf das Tabu Sexualität zielt, sondern den Blick auf unsere Urkraft freilegt. Eine Nacktheit, die die Kraft von Leben und Tod thematisiert. Die Figuren ermöglichen es, über unserer Beziehung zum Geschenk des Lebens nachzudenken.

Brele Scholz, April 2011